Bericht einer Krähe vom 29° Giro delle Dolomiti vom 31.07.-06.08.2005

von Johannes Karidas

 

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Allgemeine Infos und 1. Etappe : Zur Bozner Sunnseit'n - Flug nach Jenesien

Mit einer Vorbereitung von nur 2000 km startet eine einsame Krähe in einem Pulk von 650 hochmotivierten Rennradlern zur 29ten Dolomitenradrundfahrt. Diese führt die Teilnehmer in sechs Tagesetappen über eine Strecke von 693 km und 11.186 Höhenmetern. Anfang und Ende fast aller Etappen ist die Messe, im Industrieviertel Bozen-Süd gelegen. In aller Frühe (7.15 Uhr) geht es somit von der Herberge über Bozens sehr gut ausgebautes Radwegenetz zum Startpunkt. Noch schnell das Piepsen der Chipkontrolle und dann in die Startaufstellung eingereiht.

Die Strecken werden im Tross gefahren, von einem Führungsfahrzeug sowie Mechanikfahrzeug, mehreren Begleitfahrzeugen, Polizeimotorrädern und Sanitätern begleitet. Die Strecken sind für den öffentlichen Verkehr nicht abgesperrt; jedoch wird der Gegenverkehr konsequent zur Seite gewunken und zum Anhalten gezwungen. Kreuzungen und Abzweigungen werden ebenfalls gesichert.

Freigegeben ist natürlich das Rennen, das am ersten Tag von Bozen nach Jenesien hochführt. Ich spüre sofort die fehlende Vorbereitung, schalte vom "Ins Klassement fahren" auf "Hauptsache ankommen" und gurke mit 150er Puls den Berg hoch. Es ist trotzdem schwer.

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Oben durch die Messung gefahren, empfängt den Radler eine hervorragende Pausenverpflegung. Wasser, Coca-Cola, Tee, Saft, Kuchen, Brot, Bananen - alles im Überfluß. 650 Radler blockieren die Straße von Jenesien nach Mölten; Ergebnis ist ein Hupkonzert italienischer Autofahrer und verzweifelte Durchsagen der Organisatoren, bitte die Straße freizumachen. Deutsche Autofahrer hupen nicht, sie bleiben einfach ratlos stehen, speziell genau vor der Zeitmeßschleife.

Vor der Abfahrt von Hafling nach Meran setzt Platzregen ein. Nachdem ich einen Sturz "aus dem Nichts" mit angesehen habe, warte ich mit zwei anderen Leidensgenossen nass und verfroren in einer Bushaltestelle, bis der Regen aufhört. Die 1000 hm Serpentinen-Abfahrt sind bei trockener Straße doch besser zu genießen.

 

2. Etappe : Das Schnalstal - es geht zum Ötzi

Heute früh ist zwischen Herberge und Messe Berufsverkehr angesagt (Montag). Macht aber nichts: Da der italienische Verkehr im Gegensatz zum deutschen nicht auf Verkehrssignalen und Regeln beruht, sondern auf Verständigung per Handzeichen, winken wir uns den Weg zu der Stelle frei, an der das Bozner Radnetz beginnt.

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Die heutige Strecke ist vom Verständnis her einfach. Es geht das Schnalstal 1738m bergauf, bis es nicht mehr "geht" (Talschluß in Kurzras), davon die Hälfte als Zeitfahren; dann geht es wieder nach Bozen herunter. So spart man sich häufiges Schalten. In Kurzras kann, wer will, per funivia (Seilbahn) zum Schnalstaler Gletscher hochfahren. Oben gibt es ein Ötzi-Archäologiemuseum. Da es oben kalt ist - sonst wäre der Ötzi nicht erfroren - und alle Gipfel in Wolken gehüllt, ist der Zuspruch sehr gering.

 

3. Etappe : Die Sellaronda - Königsetappe

Die Sellaronda ist eine der schönsten Touren in den Alpen. Man kann die Tour (von 50 auf 150km) und den Genuß (von 2000hm auf 3426hm) verlängern, wenn man von Bozen aus losfährt. Ich schlage also den angebotenen Bus von Bozen nach Wolkenstein aus und starte mit den anderen in aller Frühe Richtung Grödner Tal.

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Schon der Talanfang empfängt einen mit 15% Serpentinen. Hurra. In Wolkenstein, über dem man ausnahmsweise keine Wolke sieht, gibt es nochmals Verpflegung. Dann geht es los: Grödnerjoch - sehr schön, Passo Campolongo - kurz und fast flach ("Jo, is ma denn schon oben?"). Passo Pordoi - Bergzeitfahren, aber gerade jetzt geht der Tank zur Neige und es regnet wieder. Den Sella wird sich nur noch hochgequält (Merke: "Der letzte Pass ist immer der schlimmste.") Ich merke bei der Tour auch, daß ich ein schlechter Abfahrer bin; vielleicht sollte ich mal zum Training die Bremsen ausbauen. In Wolkenstein beginnt es - nomen est omen - zu regnen. In den Tälern fängt sich eben das Wetter.

 

4. Etappe: die Auronzohütte hoch

Nach dem Ruhetag: Dantes Weg zum Tor zur Hölle - von Misurina nach Auronzo. Mit dem Bus fahren wir diesmal zum Start in Toblach. Von dort hübsch, flach und kalt über Schluderbach nach Misurina. Dann in Dreiergruppen und zehn Sekunden Abstand zum Bergzeitfahren. Bis zum See leicht hoch, am See leicht runter, am Mauthäuschen vorbei. War es das? Man sieht steile Serpentinen hoch über sich und kleine Punkte, die sich sehr langsam darauf bewegen. Nein, es sind keine Punkte, es sind Radfahrer. Der Berg ruft. Vier Kilometer Serpentinen mit 12% Durchschnitt. Die Hölle beginnt.

Autofahrer werden durch Schlangenlinien fahrende Radler zum Anhalten gezwungen und können danach wegen der Steigung nicht mehr anfahren. Hier scheint sich ein Stau zu entwickeln.

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Oben angekommen ringe ich nach Luft; vom Bergsteigen weiß ich, daß gegenüber Normalnull auf 2300m Höhe nur noch ca. 80% Luftdruck vorhanden sind. Viele um mich herum husten; ich werfe mein Goretex Windshield an und fahre in sauerstoffhaltigere Gefilde ab. Inzwischen hat sich durch hoch- und abfahrende Radfahrer ein 5km langer "Autobergstau" entwickelt. Ein Autofahrer schreit wütend: "Wir haben dafür Geld bezahlt." (Die Straße zur Auronzohütte ist mautpflichtig.) Tja, selbst schuld; hätte er halt das Rad genommen.

 

5. und 6. Etappe : Pampeago und Auer

Da die letzte Etappe flach war (Auer, Mezzocorona max.7%: "Wos isch dos?"-"Dos isch dechtersch fir Flochlandtirouler!"), wird hier nur die fünfte Etappe erwähnt. Der Aufstieg von Tesero nach Pampeago ist legendär; beim Giro d'Italia legte der ehrwürdige Marco Pantani die Strecke einmal in 19 Minuten zurück. Der Sieger vieler Giro delle Dolomiti, Giuliano Anderlini, braucht 21 Minuten, ein C-Klassefahrer mit Rennlizenz 30 Minuten. Da zeigt sich doch, daß auf sehr hohem Niveau gefahren wird.

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Sonst ist die Strecke eine "normale" Bergstrecke, 10% Durchschnitt mit 16% Spitzen. Das dem Bergzeitfahren folgende Lavazejoch ist mir in schlimmerer Erinnerung, 18% Spitze. Das einzig Gute bei dieser Steigung ist: Die Entscheidung, anzuhalten und auszuruhen, wird einem abgenommen. Bei dieser Vollast kommt man nicht mehr aus den Klickpedalen.