Paris-Roubaix – oder: Meine Hände – was ist mit meinen Händen?

Pflastersteine, Cobblestones, Kasseien, Pavées ... die allseits bekannten Begriffe für das, was Radfahren nicht unbedingt genussvoller macht, aber letztlich erst die Würze für Touren und Rennen in Flandern und dem Norden Frankreichs bringt. Nachdem ich meine Haßliebe fürs Pflaster bereits bei Het Volk und der Flandern Rundfahrt ausleben konnte, kam die Ausschreibung für die Paris-Roubaix Challenge gerade recht. Das Monument - der Kopfsteinplasterklassiker schlechthin! Als besondere Versuchung sollte die als Rennen ausgetragene Veranstaltung schließlich im berühmten Velodrom von Roubaix enden. Muss ich also unbedingt dabei sein!

Zur Vorbereitung wurde meine Wintergurke mit doppeltem Lenkerband, 27 mm breiten Reifen (mit der passenden Bezeichnung „Parigi-Roubaix"), montiert auf klassischen Laufrädern, gepimpt mit NoTubes Dichtmilch, ausgerüstet. Dazu 4 Schläuche im Gepäck (Vorschrift) und als I-Tüpfelchen den offiziellen Rahmenaufkleber mit den wichtigsten Details zu den Pavé-Abschnitten.

Für das üppige Startgeld gab es bei der Startnummernausgabe immerhin neben den üblichen Gimmicks im edlen Stoff-Starterbeutel auch ein Rapha-T-Shirt. Und man durfte nach dem Rennen den Transponder behalten. Nun ja.
Ansonsten war die gesamte Organisation schlicht ausgezeichnet, vorher, während des Rennens und auch nachher. Der Rücktransport erfolgte in Reisebussen, die Räder im LKW, alles ging reibungslos und entspannt. Die Versorgung unterwegs war ebenfalls in Ordnung, es gab vor allem ortsübliche Spezialitäten.

Etwa 1.500 Teilnehmer, darunter genau 2 Krähen (Albrecht und ich), finden sich zum Start vor dem Palais des Sports ein. Wo auch sonst. Es ist düster und saukalt, die Sonne geht erst langsam auf. Später kommt der blaue Himmel zum Vorschein, bestes Wetter mit erträglichem Wind. Vielleicht hätte es ein oder zwei Grad wärmer sein können ...

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Anfangs ist die Gegend sehr wellig, große, weit hingezogene Wellen, am Ende werden es immerhin knapp 800 Höhenmeter sein. Die Umgebung erinnert ansonsten an die selige Jülicher RTF, typisch landwirtschaftliche Umgebung.
In Erwartung dessen, was da noch bevorsteht, wird zunächst ein moderates Tempo angeschlagen, es gibt eine große Gruppe. Schon beim ersten Pavé explodierte dann nicht nur diese Gruppe, sondern auch der Lenker in den Händen – und zwar dauerhaft.
Die einzelnen Pflasterabschnitte weisen durchaus sehr unterschiedliche Beschaffenheiten auf: teilweise sind sie beinahe komfortabel zu befahren - dank der passenden Ausrüstung. Manche Passagen entschärfte ich durch die Nutzung der Seitenstreifen, die natürlich unbefestigt sind und vor Schlaglöchern wimmeln und selbst bei Geradeausfahrt hier und da atemberaubende Schräglagen bieten. Also auch nicht gerade die perfekte Lösung, aber was tut man nicht alles, um wenigstens für ein paar Meter dem Pflaster zu entgehen ... denn da weiß man irgendwann gar nicht mehr, ob das, was da am Ende der Arme dauerdetoniert, noch zum eigenen Körper gehört. Jedenfalls sollen diese Dinger, die mal Hände waren, bitte (!), bitte (!!) trotz allem Geschüttel den Lenker festhalten. Wäre nämlich sonst blöd.

Ganz besonders sind allerdings die mit 5 Sternen eingestuften Abschnitte: der berüchtigte Wald von Arenberg ist teilweise schlicht unfahrbar. Geht nicht. Etwa so, als wolle man einen Presslufthammer mit bloßen Händen bändigen – natürlich von der falschen Seite.
Trotzdem sieht man vor und neben sich Radfahrer, es muss also doch gehen, man fährt dann auch einfach irgendwie weiter. Schlimm, schlimm.

Immerhin fand sich nach den ersten Pavées eine gut laufende Gruppe, die sich zwischen den einzelnen Pflastergemetzeln immer wieder formierte und belgisch kreiselnd ordentlich Tempo machte.
Plattfuß am Ende vom Carrefour D'Arbre, irgendwo bei Kilometer 120. Erster Gedanke: blöd, gerade jetzt, wo doch die schlimmsten Abschnitte eigentlich überstanden sind und die gut laufende Gruppe auf und davon ist. Zweiter Gedanke: gut, weil da die schlimmsten Abschnitte schon überstanden sind, das Ziel ist also in Reichweite. Dritter Gedanke: richtig gut, denn es war ja nur ein platter Reifen - während des Schlauchwechsels kam nämlich ein Franzose zu Fuß vorbei, in der einen Hand sein Rad, in der anderen Hand den dazugehörigen Lenker. Er war auf der verzweifelten Suche nach einem technischen Service. Ob die aber Vorbauten auf Lager hatten ... ?

Immerhin war die Streckenabsicherung vom Feinsten, überall Gendarmerie auf Enduros und auch die Ersthelfer waren im Notfall schnell vor Ort.

Den Schlauchwechsel fand ein anwesender Fotograf so dermaßen spannend, dass er jeden Handgriff sauber dokumentiert hat, das hat mich ungemein beruhigt. Mir ist alles aus den zittrigen Händen gefallen, die ganze Prozedur hat bestimmt doppelt so lang gedauert wie üblich. Immerhin keinen Pflaster- oder sonstigen Stein mit eingebaut, also weiter und mit ein paar Versprengten ins Ziel geschleppt. Ziel ist hier ein ziemlich kleines Wort, es war nicht weniger als das Velodrom in Roubaix, also quasi heiliger Boden des Radsports oder so ähnlich. Jedenfalls ein ziemliches Gänsehautgefühl, da mal als Renner hinein- und ins Ziel zu fahren.

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Ins Ziel kamen 893 Teilnehmer, darunter 16 Frauen.

Direkt im Ziel ist man dann auch in einem einigermaßen desolaten Zustand, die Hände können kaum mehr greifen als einen Becher mit Bier, die Arm- und Rückenmuskeln sind von der Rüttelei arg mitgenommen. Doch nach nur einem Tag lassen die Schmerzen in Händen, Armen und Rücken spürbar nach und man kann auch schon wieder ohne fremde Hilfe z. B. von einem Stuhl aufstehen.

Last Name : KUEHNLE
First Name: Thorsten
Number: 798
Category: C (Men 1963-1972)
Ranking: 242nd
Category ranking: 99th
Time at Saulzoir : 1:52:00
Time at Landas : 3:33:25
Time: 5:10:14

Last Name : BIRKELBACH
First Name: Albrecht
Number: 1057
Category: C (Men 1963-1972)
Ranking: 488th
Category ranking: 184th
Time at Saulzoir : 2:04:08
Time at Landas : 4:02:52
Time: 5:46:20

Fazit: das ging schon in Richtung Grenzerfahrung, insgesamt fand ich es aber absolut großartig, einmal an den entscheidenen Orten dieses Monuments ein bisschen Rad zu fahren. Vor allem kann man froh sein, heil ins Ziel gekommen zu sein und außer einem Schlauch und einer verlorenen Trinkflasche keine Verluste zu verzeichnen hatte.