„Vlaanderen mooiste“ –  das Schönste von Flandern

Flandern-Rundfahrt (02.04.2011)

Als Thorsten Mitte November des vergangenen Jahres vorschlug, Anfang April die Flandern-Rundfahrt in Angriff zu nehmen, schien das Ganze zwar sehr weit weg, aber klar war auch, dass das irre anstrengend werden kann. Und so war es auch! Das Ganze fing schon bei der Vorbereitung an. Und dabei spreche ich jetzt nicht von Grundlagenausdauertraining bei minus 4 Grad Celsius im Winter oder Kraft­training am Berg bei 12 Prozent Steigung im Frühjahr, nein - allein die Strei­tereien mit Thorsten, wie viele von den berühmt berüchtigten „Hellingen“ denn nun tatsächlich zu bezwingen sind, ob alle 17 oder doch „nur“ 12 (siehe Forum) haben unendlich Nerven gekostet. Am Ende sollte keiner von uns beiden Recht behalten. Ebenso anstrengend war es, unentschlossene Vereinsmitglieder über eine fingierte Anmeldung zu ihrer Teilnahme und damit zu ihrem Glück zu zwingen.

Dennoch ließ sich das Unterfangen ganz formidabel an. Nach eifrigen Grund­lagenausdauereinheiten während des Winters, regelmäßigen Kraftraumübungen und dem Verlust von mehr als fünf Kilo Körpermasse seit Silvester, habe ich über Karneval die ersten 150-Km-Strecken unter die Räder genommen und fühlte mich für Anfang März wie Johan Museeuw in seinen besten Tagen. Dann aber kam es dicke. Erst hatte mir meine Tochter einen fiesen Magen-Darm-Virus mit­gebracht, dann - kaum zwei Wochen genesen - warf mich ein bakterieller Infekt mit hohem Fieber inklusive Nasen­nebenhöhlen­ent­zündung für zehn Tage so richtig um. An Antibiotika (stehen die eigentlich auf der Dopingliste und über­haupt, was ist mit Sinupret?) führte kein Weg vorbei und der erste Tag, an dem ich mich nicht mehr wirklich krank fühlte, war der Mittwoch unmittelbar vor dem Starttermin. Nach reiflicher Überlegung und grünem Licht vom Arzt ging es dann aber doch los. Samstagmorgen um 4 Uhr Aufstehen, 5 Uhr Abfahrt, Lutz abholen und ab nach Ninove, dem Startort für die 140-Km-Runde. Alles lief wie geplant, fast alles. Thorsten, der sich ja sicherheits­halber schon einen Tag vorher in einem Hotel in Brüssel einquartiert hatte, kam eine Dreiviertelstunde zu spät und krächzte irgendwas von „Scheiß-Parkautomaten“ und nicht gefundenen Park­plätzen. Mir schien es besser, nicht genauer nachzufragen. Dann endlich ging es los, inzwischen war es etwas wärmer geworden und leider auch voller, denn mit uns waren etwa 20.000 andere Hobbysportler und auch Hobbysportlerinnen auf der traditionsreichen Strecke. Ohne auf weitere Details einzugehen, hier die nüchternen Fakten:

Name

Länge in m

Steigung in % (Durchschnitt)

Steigung in %

(maximal)

1. Rekelberg

800

4

9

2. Kaperij

700

7

9

3. Kruisberg

1875

4,8

9

4. Paterberg

360

12,9

20,3

5. Koppenberg

600

11,6

22

6. Steenbeekdries

700

5,3

6,7

7. Taaienberg

530

6,6

15,8

8. Eikenberg

1300

6,2

10

9. Molenberg

463

7

14,2

10. Leberg

950

4,2

13,8

11. Tenbosse

450

6,9

8,7

12. Muur-Kapelmuur

475

9,3

19,8

13. Bosberg

980

5,8

11

Insgesamt summierten sich auf den etwas über 140 Km knapp über 1500 Höhenmeter. Nach den intensiven Trainingseinheiten der letzten Woche war es schon sehr enttäuschend, dass ich als infektgeschwächte flügel­lahme Krähe ungewöhnlich früh mit Problemen zu kämpfen hatte. Bereits zwischen Kilometer 30 und 40 nach den ersten Bergen wurde ich von Krämpfen geplagt. Gewöhnlich traten solche Probleme erst auf den letzten 20 Kilometern auf. Hätte ich so kurz nach dem Infekt besser auf die Flandern-Rundfahrt verzichten sollen? Sollte ich mit Rücksicht auf meine Gesundheit sofort abbrechen? Ich tat es nicht, dachte stattdessen an den „Löwen von Flandern“ und seinem Sieg trotz gebrochener Kniescheibe. War ich schon im Delirium? Plötzlich schien ich vor Kraft nur so zu strotzen, mir war als flöge ich die Berge hinauf wie einst Marco Pantani. Nur am Rande nahm mein Bewusstsein Notiz davon, dass nach jedem Gipfel zwei Krähen relativ ausgeruht am Wegesrand auf mich warteten. Egal – euch krieg ich auch noch! Von den Kasseien ordentlich durch­geschüttelt nahmen wir die letzten giftigen Anstiege in Angriff. Ich fühlte mich in Topform, während Thorsten und Lutz schon einen ziemlich angeschlagenen Eindruck hinterließen und irgendetwas von „Pause“ und „Bäckerei“ faselten. Zeit sich eine Rennstrategie für die letzten, aber entscheidenden Kilometer zurechtzulegen. Ich fasste den Ent­schluss, an der Mauer von Geraardsbergen anzugreifen, meine lieben Vereinskollegen aus den Schuhen zu fahren und das vereinsinterne „Rennen“ für mich zu entscheiden. So ging es dann auch mit Volldampf rein nach Geraardsbergen und hinauf zu Mauer, „Kette rechts“ – meine Rennstrategie schien perfekt aufzugehen als plötzlich das Unglück geschah: Stau, schiebende, ja umkippende Radfahrer drängten mich nach links, wo einfach kein Durchkommen war, so dass ich gezwungen wurde aus den Klickpedalen auszuklicken und mein Rad zu schieben. Das muss wohl der Moment gewesen sein, an dem Thorsten und Lutz an mir vorbei gezogen sind. Anders kann ich mir das ganze gar nicht erklären. Tröstend war nur der Gedanke, dass vor dem Hintergrund eines solch unprofessionellen Fahrer- und Fahrerinnenfeldes eine Durchschnittsgeschwindigkeit von nicht ganz 23 km/h doch ganz respektabel ist. Selbst Fabian Cancellara wäre unter solchen Be­dingungen nicht schneller gewesen!

Als Lutz und ich müde und glücklich darüber mit De ronde van Vlaanderen,ein weiteresMonument des Radsports bezwungen zu haben, auf der Ladekante meines betagten Saabs ein kühles alkoholfreies Hefeweizen tranken (während Thorsten sein Auto suchte) nahm der Tag dann doch noch ein versöhnliches Ende. Lutz ließ den Tag Revue passieren und sprach sogar von „Bilderbuch­wetter“ und davon, dass er die „Tor-Tour“ zwischenzeitlich richtig „genossen“ habe. Nach anfänglichen Zweifel daran, ob wir heute wirklich an der gleichen Veranstaltung teilgenommen hatten, kreisten meine Gedanken zunehmend nur noch um essen, duschen, schlafen.

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